Interview mit Fachexperte Kevin Mennenga: „In der Welt der Verschwörungstheoretiker passiert eben nichts zufällig“

Versammlung von Verschwörungstheoretiker*innen Bildrechte: Markus Spiske

Sehr geehrter Herr Mennenga, was versteht man eigentlich unter einer Verschwörungstheorie?

Im Grunde sind Verschwörungstheorien zunächst einmal der Versuch, Ereignisse durch das Handeln von im Geheimen agierenden feindseligen Gruppen zu erklären. Bekannte Beispiele sind die Narrative, nach denen es sich bei der Mondlandung oder den Anschlägen vom 11. September 2001 lediglich um Inszenierungen von einem kleinen Kreis von Verschwörern mit verdeckten politischen Absichten gehandelt habe. In der Welt der Verschwörungstheoretiker passiert eben nichts zufällig.

Aber gibt es nicht auch reale Verschwörungen?

Ja, natürlich hat es in der Geschichte auch immer reale Verschwörungen gegeben, wie zum Beispiel die Watergate-Affäre gezeigt hat. Der Unterschied zwischen diesen tatsächlichen historischen Ereignissen und den oben genannten Verschwörungserzählungen besteht darin, dass erstere einer faktenbasierten Untersuchung standhalten, also beweisbar sind. Letztere hingegen entziehen sich durch ihre Struktur einer Überprüfung. Der Begriff „Theorie“ im wissenschaftlichen Sinne trifft hier also gar nicht zu. Es handelt sich mehr um Ideologien.

Wie verbreitet sind diese Verschwörungsideologien?

Es ist oftmals leider üblich, dass verschwörungsgläubige Menschen schlicht für verrückt erklärt werden. Dabei haben Studien gezeigt, dass in Europa und den USA sogar eine knappe Mehrheit der Bevölkerung mindestens eine Verschwörungserzählung für plausibel hält und zwar quer durch alle sozialen Schichten. Verschwörungsideologien helfen eben eine unübersichtliche Welt in Gut und Böse zu ordnen und so gefühlt ein Stück eigene Initiative wiederzuerlangen. Das macht sie in unserer komplexen und schnelllebigen Welt so anziehend.

Welche Gefahr geht von Verschwörungsideologien aus?

Grundsätzlich sorgen diese für eine Erosion des Vertrauens in gesellschaftliche Institutionen und Prozesse. Presse, Wissenschaft und Politik kommen in den meisten Verschwörungserzählungen, gelinde gesagt, nicht gut weg. Zudem geraten viele Menschen in einen regelrechten Strudel und übernehmen mit der Zeit eine überwiegend auf Verschwörungserzählungen beruhendes Weltbild. Nicht selten beobachten wir dann auch Ansichten, die der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zuzuordnen sind. Insbesondere antisemitische Vorstellungen sind unter Verschwörungsideologen weit verbreitet. Wie die rechtsextrem motivierten Anschläge von Halle und Christchurch gezeigt haben, kann im Extremfall eine Radikalisierung bis zur Gewalttat führen. Verschwörungsideologien sollten daher nicht verharmlost werden.

Wie kann man Verschwörungsideologien begegnen?

Diese Frage ist nicht einheitlich zu beantworten, da sich verschiedene Strategien in unterschiedlichen Situationen bewährt haben. Das wirksamste Mittel ist wohl Prävention, also das Erlernen eines kritischen Umgangs mit Informationen und deren Quellen, besonders im Internet und den sozialen Medien. Über letztere können Falschinformationen von praktisch jedem ungeprüft in die Welt gesetzt werden. Dort wo Diskussionen noch möglich sind, ist es selten ratsam Betroffene lächerlich zu machen. Eher sollte man mit gezielten Fragen zur Reflektion anregen. Es ist schon viel gewonnen, wenn Betroffene motiviert werden können, die Selbstwahrnehmung eines kritisch denkenden Menschen auch auf Verschwörungserzählungen auszuweiten.

 

Kevin Mennenga ist Projektmitarbeiter der Koordinierungsstelle gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Diese ist ein von der Stadt Oldenburg initiiertes und bei der Bildungsvereinigung ARBEIT UND LEBEN Niedersachsen angesiedeltes Projekt. Die Koordinierungsstelle bietet ein umfangreiches Informations- und Bildungsangebot und fungiert als fachbezogene Beratungsstelle bei rechtsextremen Vorfällen.

Webseite: www.koordinierungsstelle-gegen-rechts-oldenburg.de

 

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